- außer, man versucht es erst gar nicht!
„Abendschule, ist das so etwas wie Volkshochschule?“, werden zuweilen erstaunte Studienräte gefragt, wenn sie von ihrem Berufsleben am Abendgymnasium erzählen.
Zwar gibt es die Möglichkeit, den in der Regelschule nicht erreichten Bildungsabschluss nachzuholen, bereits seit den 60er-Jahren an diversen Schulformen wie Abendschule und Kolleg. Durchgesetzt hat sich das Wissen um dieses nachträgliche Karrieresprungbrett allerdings immer noch nicht überall.
Dabei würde es vielen im Beruf Unzufriedenen das Leben enorm erleichtern, hätten sie durch bessere Qualifikation einen Ausweg aus ihrer beruflichen Situation vor Augen.
Oft gibt es für die in der Jugendzeit verpasste Chance handfeste Gründe: So ist Kindern aus „bildungsfernen Schichten“ die Tragweite ihrer Konsequenz bei schwachen Schulleistungen meist nicht bewusst. Es gibt Schüler, deren Eltern ihnen die lange Ausbildungszeit nicht bieten konnten, in manchen Fällen sogar gar nicht bieten wollten. Einige junge Männer und junge Frauen auf den Abendschulen haben aufgrund sehr früher Elternschaft ihre Ausbildung zunächst hinten angestellt. Dazu kommen Kinder aus Migrantenfamilien. Sie hatten zunächst häufig sprachliche Defizite, die sie trotz hoher Intelligenz am schulischen Weiterkommen hinderten. Und dann gestehen einige auch ganz freimütig, der Schule in der Pubertät zu wenig Gewicht eingeräumt zu haben. Doch für all diejenigen gibt es eine zweite Chance, ihren Traum vom besseren Job, mehr Bildung oder einem höheren sozialen Status selbst zu verwirklichen.
Ist der Entschluss zur Weiterbildung erst einmal gefasst, hören sich manche Karrieren nachträglich an wie der berühmte amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär:
Den erstaunlichsten Werdegang hat dabei wohl die gelernte Blumenverkäuferin mit Hauptschulabschluss hinter sich, die heute stolz einen Doktortitel trägt. Der Karriereweg begann eigentlich wenig spektakulär: Zunächst machte Pia (Name red. geändert) auf der Abendrealschule den Abschluss nach. Schnell merkt sie: Lernen macht dort wesentlich mehr Spaß als an der Tagesschule. Es fällt ihr so leicht, dass sie das Abitur ebenfalls am Abend mit guten Leistungen nachholt. Daraufhin folgt die Einschreibung an der Universität. Doch das Erstaunliche ist: Die Familien sind nicht immer stolz auf die Leistungen ihrer Sprösslinge. In diesem Fall kam die unangebrachte vorwurfsvolle Frage: „Willst wohl etwas Besseres werden.“ Studieren wollte sie, soviel stand fest und nach dem Diplom hat sie zum Schrecken ihrer Familie auch noch promoviert.
Gewiss, eine ungewöhnliche Biographie, denn enorm wichtig ist bei diesem Ausbildungsmarathon die Unterstützung der Familie: Den Schülern, der Familie und auch dem Freundeskreis muss bewusst sein: Geschenkt für pure Anwesenheit wird der Abschluss nicht. Allein die Abendrealschule dauert vier Halbjahre mit einer Abschlussprüfung. Dafür ist die Schule im Gegensatz zu kommerziellen Anbietern kostenlos, sogar BAföG kann beantragt werden. Doch die Unterrichtszeit erstreckt sich hier in der Regel von 17:30 bis 20:30. Dazu kommen Wochenenden, an denen gelernt werden muss. Darunter leidet dann oft die Freizeitgestaltung.
An einem Abendgymnasium dauert die Ausbildung natürlich länger: Je nach Voraussetzungen 2 bis 3 Jahre bis zur Fachhochschulreife - ein weiteres Jahr bis zum Abitur. Hier muss zu Beginn mindestens ein Hauptschulabschluss vorhanden sein, das Mindestalter beträgt 19 Jahre und über Berufserfahrung sollte der Schüler auch bereits verfügen. Dafür kostet die Ausbildung im Gegensatz zu der in anderen Bundesländern nichts. Auch Ausbildungshilfe kann für die letzten drei Halbjahre beantragt werden. Die Unterrichtszeit dauert üblicherweise von 17:30 bis 20:30; doch gelegentlich auch bis 22:00. Die Doppelbelastung von Schule und Beruf ist auf Dauer also enorm anstrengend. Doch der Weg ist das Ziel.
Und dass Lernen an der Abendschule in kollegialem Miteinander von Lehrer und Schüler Spaß machen kann, zeigen immer wieder begeisterte Schüler, gute Abschlüsse und an der Abendschule in Heppenheim hohe Anmeldezahlen. Und irgendwie ist die Doppelbelastung wohl doch zu schaffen, denn mit mehreren Einser-Abituren im letzten Jahrgang wurden hier vergleichsweise hohe Messlatten im Landesabitur gelegt. Die nächste Chance auf mehr „Macht durch Wissen“ besteht wieder ab Montag, den 24. August. Anmeldungen hierzu können im Sekretariat der Abendschule im Containerdorf des sich gerade im Umbau befindlichen Starkenburg-Gymnasiums angenommen werden.
Sie finden uns in der Gerhart-Hauptmann-Straße 21 in Heppenheim, Tel.: (06252) 79 46 16, Fax: (06252) 79 46 24. Weitere Infos bietet unsere Homepage unter http://www.abendgymnasium-heppenheim.de.
SM