Klemens Schmitt, stellvertretender Schulleiter und langjähriger Freund Winfried Müllers

Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,





heute findet mehr statt als die Verabschiedung eines Schulleiters aus dem Dienst. Denn: Die Verabschiedung von Winfried Müller ist die Verabschiedung von einer Ära der Abendschule Heppenheim.

Das heutige Datum markiert eine Zäsur, wie in der Chronik dieser Schule bislang noch keine verzeichnet ist. Winfried Müller war für dieses Institut der Mann der ersten Stunde, er war von Anfang an der Federführende. Wie auch immer die offiziellen Funktions- und Dienstbezeichnungen hießen, er hat die Schule ex tunc geleitet. Dieser Beginn liegt 35 Jahre zurück. Es wird, wenn es sie überhaupt gibt, hessenweit und darüber hinaus nur wenige Fälle geben, in denen eine einzige Person über eine solche Zeitdauer die erste Verantwortung für eine Schule trug. Es gibt daher nur ganz wenige, die ihre Schule so stark und so nachhaltig geprägt haben, wie das bei unserem scheidenden Schulleiter der Fall ist. Der Geist, der hier herrscht, ist das Ergebnis der Arbeit Winfried Müllers und des von ihm gepflegten Stils. Gekennzeichnet ist dieser sich im Laufe der Jahre herausgebildete Geist an der Schule von – so empfinde ich es – Respekt untereinander, von Vertrauen, von Kollegialität, gleichermaßen von Liberalität wie auch von Pflichtbewusstsein.

Das dementsprechende Klima, die Arbeitsatmosphäre an dieser Schule ist das Ergebnis eines vernünftigen Umgangs des Schulleiters mit den Studierenden und eines partnerschaftlichen und freundlichen, unkomplizierten, allürenfreien Umgangs mit den Kollegen, eines Umgangs, bei dem auf den Einsatz der Amtsautorität des Dienstvorgesetzten völlig verzichtet wurde und verzichtet werden konnte.

Absolute Kompetenz, Liberalität, Kollegialität, auch Korrektheit gehörten also zu den Markenzeichen von Winfried Müllers Amtsführung, des Weiteren auch außergewöhnliche Souveränität, Gelassenheit, Unaufgeregtheit (auch bei hektischstem Betrieb in unserem kleinen Sekretariat, das auch Dienstzimmer des Schulleiters und der gesamten Schulleitung ist, habe ich ihn nie nervös erlebt) sowie Lockerheit und sein reichhaltiger Humor, der zur Meisterung schwieriger Situationen nicht wenig beitrug.

Sein breites Bildungsspektrum leuchtete häufig auf; nicht nur, aber besonders bei mündlichen Abiturprüfungen, wenn er den Fachausschuss führte. Auch in Feldern, die weit von seinen Unterrichtsfächern entfernt liegen, zeigte er oft erstaunliche Detailkenntnis. Noch tiefer in seinen reichen Bildungsschatz griff er bei seinen Abiturreden, bei denen intellektueller Anspruch, vorwiegend Tiefgründig-Philosophisches und hoher Unterhaltungswert eine treffliche Verbindung eingingen.

Der liberale Geist, der an dieser Schule weht, steht nicht im Widerspruch dazu, dass Korrektheit in allen Arbeitsabläufen, gute Arbeit, Hinarbeiten auf ein angemessenes Leistungs- und Bildungsniveau der Studierenden Forderungen waren, die der Schulleiter an sich und die Kollegen stellte. Dies entsprach nicht nur seiner Vorstellung von einer guten Schule, auch nicht nur seinem Dienstverständnis („dafür sind wir Beamte“ sagte er manchmal auch) – nein: er wusste natürlich, dass die Existenz dieser Schule durchaus auch von ihrer Reputation hinsichtlich Korrektheit und Leistungsniveau abhängig war. Das Fortbestehen dieser Schule war nämlich keineswegs zu allen Zeiten ungefährdet. Schließlich war Heppenheim lange Zeit das mit Abstand kleinste Abendgymnasium Hessens, meines Wissens sogar das kleinste im gesamten Bundesgebiet. „Klein, aber fein“, so müssten wir deshalb sein und auch so wahrgenommen werden, erkannte Winfried Müller schon früh. Er wusste auch, dass immer wieder Signale ausgesendet werden mussten, die grundsätzliches Wohlwollen dieser Schule gegenüber bei den Entscheidungsträgern generierten. Die nur noch jährliche Einrichtung von Vorkursen und damit das jährliche Abitur z.B. wurden nicht erst vor zwei Jahren eingeführt, als es durch Erlass vorgeschrieben wurde, sondern knapp 30 Jahre vorher, mit Einführung des Kurssystems. Anders als an manch anderem Standort beschränkte man sich damals auch auf die Einrichtung sehr weniger Leistungskurse, maximal 4, zeitweise nur 3, diese 3 dann sogar mitunter verbindlich für alle Studierenden, um die Grundkurse in diesen Fächern einzusparen. Dies und vieles anderes waren wichtige Zeichen der Solidität und des verantwortungsbewussten Umgangs mit Ressourcen. Die letzte, wichtigste, nachhaltigste und die Schule am gravierendsten ändernde strategische Maßnahme zu ihrer Bestandssicherung war natürlich die vor wenigen Jahren realisierte Einrichtung des Abendrealschulzweigs. Dieser Schritt lag– obwohl damit in seinen letzten Dienstjahren eine Beförderung Winfried Müllers möglich wurde – durchaus nicht in seinem persönlichen Interesse, denn es war ihm klar, dass der Rest an Idylle, den man hier noch hatte bewahren können, der Rest an vorteilhaftem pädagogischem Nischendasein verloren gehen würde. Da aber die Notwendigkeit des sich hier Bewegens für ihn unverkennbar war, wurde von Winfried Müller dieser Weg kraftvoll und konsequent beschritten.

Ich bin davon überzeugt, dass das Abendgymnasium ohne den Schulleiter Winfried Müller nicht alle schwierigen Zeiten, die es manchmal gegeben hat, überstanden hätte. Ohne ihn würde es, so glaube ich, die Abendschule Heppenheim schon seit einiger Zeit nicht mehr geben. Als ich nach der Einrichtung des Abendrealschulzweigs und der dadurch notwendig gewordenen Umbenennung der Schule – „Abendgymnasium des Kreises Bergstraße“ konnte die Einrichtung ja fortan nicht heißen – um einen Namensvorschlag gebeten wurde, lautete deshalb meine Antwort: nur „Winfried-Müller-Schule“ käme m.E. in Frage – diese Antwort indes wurde vom Schulleiter nicht einmal mit einem freundlichen Grinsen quittiert, sie wurde völlig ignoriert und ohne jegliche Miene zu verziehen, wurde von ihm kurzerhand als Namensvorschlag notiert: Abendschule Heppenheim.

Winfried Müller war nicht nur ein vorzüglicher Schulleiter, er war auch ein exzellenter Lehrer. Man sagt ja gemeinhin, ein Lehrer wechsle seinen Beruf, wenn er die Aufgabe eines Schulleiters übernehme, und das trifft auch zu. Gleichwohl geriet die Unterrichtstätigkeit, wenn sie auch in ihrem Umfang natürlich in den letzten Dienstjahren nur noch einen relativ kleinen Anteil an der Diensttätigkeit ausmachte, für ihn nie zur Nebensache. Vielmehr investierte er in seinen Unterricht bis in die letzten Jahre des beruflichen Wirkens viel Engagement und viel Leidenschaft, vermittelte er Begeisterung für sein Fach Englisch. Zu den Stützpfeilern für seinen Unterrichtserfolg gehören dabei auch seine bemerkenswerten Qualitäten als Entertainer. Das merken wir Kollegen besonders in letzter Zeit im hellhörigen Container, in dem jetzt vornehmlich unterrichtet wird, früher aber auch schon merkten wir es immer im Sommer, wenn bei offenen Fenstern unterrichtet wurde. Dann wurden mehrere Klassen gleichzeitig zum Publikum beim wahren Feuerwerk, das er abbrennen ließ, was oftmals willkommene Unterbrechung der eigenen Unterrichtstätigkeit zeitigte.

Um einen kleinen Einblick in seine Unterrichtskünste zu geben, möchte ich aus zwei Abizeitungen ein paar Zeilen zitieren. Die eine ist älteren Datums, die andere gerade zwei Jahre alt. Ich beginne mit der älteren, in der besonders schön und auch noch in gereimter Form Winfried Müllers Unterricht charakterisiert wird:

„Herr Müller, unser Lehrgangsvater,
Hat eine Neigung zum Theater.
So setzt er denn im Unterricht,
Wo er mal deutsch, mal englisch spricht,
Vor seinem Schülerpublikum
Den Lehrstoff gern dramatisch um.
Er kolportiert aus dem Stehgreif
The famous English way of life,
Weil er ihn aus Erfahrung kennt,
Mit munter-komischem Talent.
Wer wird denn je wieder vergessen,
Wie Engländer die Erbsen essen,
Die sie auf Gabelzinken spießen,
Wo sie als Stopper dienen müssen.“

Und dann kommen weitere Beispiele, die auch sehr schön sind, aber das eine soll jetzt genügen. Weiter wird in der Abizeitung dann auch geschildert, mit welcher Eleganz Winfried Müller die Studierenden zur Erledigung notwendiger Formalitäten anhielt. Auch diese Verse sind des Zitierens wert, zeigen sie doch beispielhaft, mit welchem Geschick er seine Schulleiteraufgaben wahrnahm. Also wieder Zitat aus der Abizeitung:

„Doch ist er in Berufsausübung
Ganz vorbildhaft und ohne Trübung.
Und skrupulös ist sein Gebaren
Bei Reglements und Formularen.
Bis auf das Tüpfelchen vom i
Befolgt er sie mit Akribie
Und lässt auch seine Schüler wissen
Wo, wie und was sie machen müssen.
Im Grund jedoch war's keine Plage,
Weil man den sturen Ernst der Lage
Bewusst ins Komische verkehrte
Und trotzdem tat, was sich gehörte.
Auf dieser Basis stets gelang
Verständigung trotz allem Zwang.“

Mit diesen letzten Zeilen ist treffend gekennzeichnet, wie Winfried Müller als Schulleiter nicht nur gegenüber den Studierenden, sondern auch uns Kollegen gegenüber die Einforderung manchmal schwer verständlicher, als bürokratisch empfundener Erledigung von Formalien praktizierte.

Auch bei den beiden abschließenden Zeilen dieses Bierzeitungsbeitrags beschränkt sich der Geltungsbereich nicht auf den Umgang mit den Studierenden:

„Humor und Fairness sind ein Plus,
Das man Herrn Müller geben muss.“

Genau so ist es, kann man dazu nur feststellen!

Aus der zweiten Abizeitung zitiere ich, weil sie, wie gesagt, erst zwei Jahre alt ist, so dass hier deutlich wird, welchen Stellenwert der Unterricht für Winfried Müller auch noch in den letzten Jahren hatte, in denen er vom Umfang her natürlich nur noch einen geringen Teil seiner Tätigkeit ausmachte. Der Beitrag ist jetzt in Prosa gehalten, ich gebe deshalb hier einen kürzeren Auszug:

„Herr Müller begeistert Menschen. Nie habe ich live jemals einen begnadeteren Rhetoriker gehört. Seine angenehme Ausstrahlung unterstützt dies noch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der Herrn Müller als unsympathisch empfindet. Wenn man in seinen Unterricht schaut, sieht man lauter gebannte Schüler, und sollte doch mal jemand etwas abgelenkt sein, kommt die nächste Rhetorikbombe und rüttelt ihn wach; indem er mit erhobener Stimme etwa das Geräusch eines herabsausenden Schwerts während „The Battle of Hastings“ nachmacht, von dem er gerade erzählt. Ich glaube, Herr Müller kann so gut wie alles spannend erzählen und hat zu fast jedem Thema eine Geschichte. Für mich als eventuell angehender Lehrer ist er mein großes Vorbild.“ (Zitatende)

Ich denke, man wird lange suchen müssen, ehe man in einer Abgangspostille irgendeiner Schule Hessens oder auch außerhalb ein vergleichbares Loblied auf den Unterricht eines Schulleiters findet.

Ich bin darauf so ausführlich eingegangen, weil ich weiß, dass Winfried Müller den Unterricht für das mit Abstand wichtigste Geschäft in der Schule hält. Er bezeichnete es auch mehr als einmal als die schwierigste Aufgabe in der Schule und bekannte: Um einen guten Fachunterricht halten zu können, muss man studiert haben. Um eine Schule gut leiten zu können, bräuchte man (wenn nicht auch die Lehrbefähigung formale Voraussetzung wäre) nicht studiert zu haben. Natürlich kann nicht jeder eine Schule leiten, auch nicht jeder Lehrer, aber es gibt viele, auch nicht akademisch Gebildete, die es könnten. Insofern ist die schwierigste Aufgabe, die an der Schule zu leisten ist, nicht die Leitung der Schule, sondern der Unterricht.

Mit diesen Aussagen habe ich natürlich nur eine Meinung Winfried Müllers wiedergegeben. Ich halte sie für erwähnenswert, weil sich darin der hohe Respekt zeigt, den er vor der Arbeit aller Kollegen niemals verlor. Abgehobenheit in seinem Leitungsamt, Wichtigtuerei, Besserwisserei soll es bei Dienstvorgesetzten manchmal geben, bei Winfried Müller kann man sich dergleichen nicht vorstellen.

Winfried Müller war gerne Lehrer und er war gerne Schulleiter. Er war es auch mit vollem Engagement. Aber: Man muss ihm nicht das zweifelhafte Kompliment machen, er sei „voll in seinem Beruf aufgegangen“; zu den traurigen Gestalten, denen man solches nachsagen muss, gehört er nicht. Nein, es gab für ihn schon auch ein Leben neben dem Beruf; er fand ausreichend Zeit zu genussvoller Lektüre, hatte Freude bei der Beschäftigung mit den Enkelkindern, es gab reichlich Tennis, es gab Basketball – alles Betätigungen, die ihm Spaß machten und ihm gut taten und deshalb letztlich auch der Schule gut taten.

Nicht erwähnt habe ich in der kleinen Auflistung der Freizeitunternehmungen die morgendlichen Waldläufe, denn diese Aktivität muss doch eher dem dienstlichen Sektor zugeordnet werden. Bei dieser Gelegenheit, beim Joggen, wobei meine Wenigkeit beteiligt sein durfte, wurden nämlich regelmäßig, früher war das fünfmal wöchentlich der Fall, zuletzt durchschnittlich dreimal, alle dienstlichen Belange besprochen, oft wichtige Weichenstellungen vorgenommen und manch heikles Problem gelöst, so dass sich Winfried Müller schon mal den Kalauer leistete: „Die Abendschule Heppenheim ist die einzige Schule, die laufend funktioniert.“

Ich hoffe, den letztgenannten Teil seiner Diensttätigkeit behält er auch ohne berufliche Verpflichtung bei und lässt sich von seinem Laufpartner noch ein wenig über Aktuelles an seiner Abendschule Heppenheim auf dem Laufenden halten.

Winfried Müller verabschiedet sich zu einem Zeitpunkt, zu dem sich dieses Institut blühender und kraftvoller präsentiert denn je. Er hinterlässt als Ergebnis einer großartigen beruflichen Lebensleistung ein reiches und wohlgeordnetes Erbe. Ich sage Dir, lieber Winfried, für die Schule den gebührenden Dank, ich sage Dir auch persönlich herzlichen Dank für die wunderbare Zusammenarbeit, für das völlig reibungslose und freundschaftliche Miteinander, das nicht besser hätte sein können.

Wir wünschen Dir für den jetzt beginnenden Ruhestand, dass sich die damit verbundenen neuen Möglichkeiten voll erschließen, dass Du Freude an den neuen Freiheiten und Gestaltungsspielräumen findest, wir wünschen Dir und auch Deiner Gattin Heide und Deiner ganzen Familie alles Gute für den hoffentlich sehr lange währenden neuen Lebensabschnitt.