Abschiedsrede von Winfried Müller
Winfried Müller:
Liebe, verehrte Anwesende, heute freue ich mich über das Kommen eines Jeden von Ihnen!
Eigentlich, ja eigentlich wollte ich mich am Ende meiner aktiven Dienstzeit gemäß dem Motto der mittelalterlichen Vögte von Bern verabschieden: „Diene und verschwinde!“
Aber ich musste einsehen, so geht das nicht. Also:
Wer kennt sie nicht, diese Lust des Anfangs! Eine neue Liebe. Eine neue Arbeit. Ein neues Jahr. Eine neue Zeit. Ein Beginn der passiven Zeit der Altersteilzeit. In der Geschichte wird das neu Anfangende „Revolution“ genannt. Wenn Revolutionen auch immer wieder ihren Kredit verspielt haben, so bleibt doch der Mythos eines lichterlohen Augenblicks, als alles so aussah, als finge alles neu an.
Der Eintritt in die Pensionszeit ist allerdings ein Paradoxon insofern als etwas beendet wird und gleichzeitig etwas Neues anfängt. Bei diesem Neuen darf man sich wiederum keine Illusionen machen, es wird und kann nicht der Aufbruch zu einem wirklich grandiosen Neuanfang sein, man mache sich da nichts vor, er kann bloß der Anfang vom Ende sein.
Shakespeare lässt Macbeth in Akt 5, Szene 5 sagen:
Life’s but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more; it is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.
Für die Grundkursler:
Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild;
Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht
sein Stündchen auf der Bühn, und dann nicht mehr
Vernommen wird; ein Märchen ist’s, erzählt
Von einem Blöden, voller Klang und Wut,
Das nichts bedeutet.
Eine recht bittere, pessimistische Bilanz, was Leben generell bedeutet, aber verständlich, denn Macbeth steht kurz vor seinem Scheitern, während ich heute viel Gutes, Positives und sicherlich viel Übertriebenes über mich hören durfte und ich hoffe, dass mir noch ein paar Jährchen Pensionszeit gewährt werden. Wie sagte doch Goethe so treffend: “Ein herzlich Anerkennung ist des Alters zweite Jugend!“ So bin ich also dankbar, dankbar darüber, dass dieser Staat es mir als gebürtigem Sauerländer aus einfachen Verhältnissen, als Landpomeranze also sozusagen, ermöglichte eine akademische Ausbildung zu absolvieren. Ich bin dankbar Kolleginnen und Kollegen gehabt zu haben, die durch ihre verantwortungsvolle und engagierte Arbeit das Schiff „Abendschule“ auf Kurs halten. Eine Angebotsschule, die eine Abendschule nun mal ist, lebt von der Mundpropaganda ihrer Studierenden und Absolventen, und somit ist die Arbeit des Kollegiums von entscheidender Bedeutung. Ich bin dankbar mit Frau Hartmann und Frau Köstler zwei Mitarbeiterinnen im Sekretariat gehabt zu haben, die mit sehr viel Sachkenntnis und Umsicht die Verwaltungsarbeit auf Kurs hielten und halten. Ich bin dankbar, dass die Zusammenarbeit und Kooperation mit unserer Gastgeberschule, bei der wir zur Untermiete wohnen, dem Starkenburg-Gymnasium, mit Frau OStD'n Ganter und last but not least die Kontakte zum Schulträger mit ihnen Herr Landrat Wilkes an der Spitze, mit dem ich sowohl die Verselbstständigung der Abendschule als auch die zusätzliche Einrichtung des Realschulzweiges realisieren konnte sehr gut funktionierte. Solche Kontakte und Kooperationen sind von elementarer Bedeutung für Ge- oder Misslingen einer relativ kleinen aber in ihrer sozialen Funktion doch so wichtigen Schule für Erwachsene. Ich bin dankbar für die gute und reibungslose Zusammenarbeit besonders mit Ihnen Herrn Bernhardt vom zuständigen Schulamt Gießen und auch mit Ihrer Mitarbeiterin, Frau Boer, mit der ich viele „kleine Dinge“ unbürokratisch und schnell regeln konnte. Ich bin ebenso dankbar der früheren Mandantenleiterbehörde mit Dir Reinhard Jenkner als Leiter- aus irgendwelchen Gründen haben wir uns immer sehr gut verstanden!
Und ich freue mich, dass Kollege Winfried Hammacher als mein Nachfolger anwesend ist und sozusagen den lebenden Beweis für die Selbstständigkeit und Kontinuät unserer Abendschule darstellt. Ich wünsche Dir, lieber Winfried, in Deinem Tun an unserer Schuledie Geduld eines Kamelsden Mut einer Löwin undden langen Atem eines Blauwals.Nach dem Ende des 2. Weltkriegs haben wir unser Land mit Fleiß und Einfallsreichtum wiederaufgebaut und in die Weltspitze zurückgeführt. Verschiedene Phasen habe ich als Zeitzeuge erleben können: Erst gab es die Nachkriegsgesellschaft- Schweigen und Zukunft bauen-; dann kam die Warengesellschaft –Kapitalismus ist Konsumterror-; später die Risikogesellschaft –wollen wir heiraten? -; noch später die Erlebnisgesellschaft – was machen wir heute Abend -; noch viel später kam die Wissensgesellschaft: wer nicht weiß, rückt auf Los, und nun die Google-Gesellschaft: Googler aller Länder, vergoogelt euch. Schon seit geraumer Zeit, und nicht erst seit PISA, herrscht ein allgemeines Klagen, dass das Erreichte gefährdet ist und sogar ein Rückschritt droht. Deswegen wird in allen Bereichen und besonders auch im Schulbereich, analysiert, evaluiert und strukturiert. Dabei wird das wichtigste Kapital einer Schule, der Unterricht hinten angestellt. Um aber die Qualität des Produkts Unterricht zu stärken brauchen wir keine Programme, Projekte und ähnliche pädagogische Potenzmittel, sondern Lehrkräfte, denen das Unterrichten Freude bereitet und die tagsüber ausreichend Zeit haben, den Unterricht professionell vorzubereiten. Ein Lehrer ist kein Bürokratiesklave, den man in nachmittäglichen Konferenzmarathons verschleißen könnte und der die abendlichen Unterrichtsstunden als Organisator selbst gesteuerter Lernprozesse verdösen muss. Nein- er muss unterrichten.
Gestatten sie mir für den Bürokratieabbau einen kleinen Vorschlag zu machen hinsichtlich der Erstellung von zum Beispiel Abiturgutachten. Es muss so um 1972 gewesen sein, dass sich ein Abiturgutachten im Fach Englisch folgendermaßen las:
„Verfasser hat eine gerade noch lesbare Arbeit zustande gebracht, wobei das dürftige Ergebnis offen lässt, ob es auf die biedere Denkweise des Verfassers oder auf mangelhafte Sprachkenntnisse zurückzuführen ist.
Note: ausreichend“
Ich bin mir 100% sicher die Arbeit war eigentlich „mangelhaft“, aber dennoch wurde sie kraft Kompetenz mit dürftigen Worten zu ausreichend geadelt. Ich merke noch an, dass der Lehrer promovierter Anglist war und der Prüfling zu einem Nuklearmediziner mutierte.
Und was Schulleitungen und Schulmanagement im weitesten Sinne betrifft, so bin ich der Meinung, dass hier vor allem Menschen agieren sollten, die die Fähigkeit besitzen zwischen dem Amt und der eigenen Person zu unterscheiden, den eigenen Willen nicht mit Allwissenheit zu verwechseln, Unwissenheit nicht durch Aggressivität zu überspielen. Des Weiteren bedarf es der Fähigkeit, Menschen nicht nur zu überzeugen, sondern auch mit Verständnis und Geduld auf abweichende Standpunkte einzugehen.
Was Führungspersonen angeht teilte General Kurt von Hammerstein-Equor das Offiziercorps in vier Klassen ein:
Es gibt kluge, fleißige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleißig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee 90% aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der gleichzeitig dumm und fleißig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.“
Etwaige Parallelen zum Schulbetrieb sind gewollt!
Am Ende meiner Ausführungen ist es mir ein besonderes Anliegen eine Person zu erwähnen, ohne die ich die Abendschule Heppenheim nie so hätte leiten können, wie es dann gelungen ist. Das ist mein engster Vertrauter und Freund, in diesem Zusammenhang von Stellvertreter zu reden wäre eine Beleidigung: Klemens Schmitt. Lieber Klemens, ich möchte Dir hier vor coram publico meinen aufrichtigen Dank und Respekt für Deine Zusammenarbeit mit mir zollen und hoffe, dass wir auch weiterhin kooperieren, aber ab jetzt ohne Schule und mit mehr Joggen und Europacupfernsehübertragungen! In meinem relativ langen Schulleben habe ich keinen besseren, kompetenteren und loyaleren Mitarbeiter kennen gelernt, und ich bin stolz darauf zu Deinen Freunden zu zählen.
Ich schließe altersgemäß mit dem unübersetzbaren englischen Apercu, das mich auf meine weiteren irdischen Tage begleiten soll:
„Age is a matter of mind and if you don’t mind it doesn’t matter“!
Was nun das Buffet angeht, so möchte ich doch angesichts der zahlreichen Lateinkundigen unter den ehemaligen Schulleitern, hierbei handelt sich um Raritäten, das gibt es heute nicht mehr, und besonders eingedenk der Vorliebe für lateinische Zitate des von mir überaus geschätzten Kollegen Reccius aus Marburg eine Warnung an alle hier in der Aula aussprechen:
„Tarde venientibus ossa“, auch hier für die Grundkursler eine Übersetzung: „Für die Zuspätkommenden bleiben nur die Knochen.“